Kalenderblatt 1989 - 2009 (Teil 9): 1. bis 4. November: Dialogabende und Bürgerversammlungen

Am Ende der ersten demokratischen Aussprache zwischen den Vertretern des Rates der Stadt und des Kreises mit Bürgern Eisenachs am 28. Oktober in der Aula des Instituts für Lehrerbildung (siehe Kalenderblatt 8), schlug Bürgermeister Joachim Klapczynski vor worden, solche Aussprachen künftig regelmäßig weiterzuführen.

Dies geschah bereits wenige Tage später am 1. November im Friedrich-Wolf-Klubhaus am Ofenstein. Hier hatten sich mehrheitlich Mitglieder des Kulturbundes und weitere engagierte Bürger eingefunden, um mit dem 1. Sekretär der SED-Kreisleitung, Klaus-Dieter Waschau zu diskutieren. Die Thüringische Landeszeitung charakterisierte die Zusammenkunft so: "Mehr Monolog als Dialog". Einzelne Bürger berichteten von ihren Sorgen und Nöten, von ihren Problemen im DDR-Alltag. Ausführlich berichtete der Fotograf Hans-Ulrich Kneise über seine Bemühungen, in seinem eigenen Haus in der Karlstraße eine Fotogalerie des Kulturbundes einrichten zu dürfen. Dieser Jahre währende Kampf mit staatlichen Reglementierungen und Bürokratie kostete ihn viel Kraft. Andere Redner stellten die soziale Gerechtigkeit in der DDR in Frage und verurteilten die Sprachlosigkeit der SED-Parteifunktionäre vor Ort in dieser brisanten Zeit.

Am Donnerstag, 2. November fanden sich rund 5000 Bürger (!) der Stadt in der Sporthalle an der Katzenaue ein. Der Diskussion stellten sich Vertreter der Staatsorgane, der Parteien und Massenorganisationen, aber auch der basisdemokratischen Gruppen. Diskussionsleiter war Uwe Ehrich (CDU). An den Pranger stellten Bürger vermeintliche Privilegien der SED-Kreisleitung und des AWE-Betriebsdirektors. Angesprochen wurden Probleme einzelner Bürger, aber auch Probleme grundsätzlicher politischer Natur.

Am 4. November trafen sich wiederum hunderte Bürger im Hotel Stadt Eisenach zu einer weiteren Dialogrunde, die unter der Leitung des 1. Kreissekreträrs des Kulturbundes, Hajo Jacobs stand. Eine zentrale Frage war hier die Zukunft des Sommergewinns. Kontrovers war die Auseinandersetzung zwischen Bürgermeister Klapczynski und dem Vertreter der SED-Kreisleitung, der sagte, die Stadt sei Schuld am Rücktritt Gerhard Fischers vom Vorsitz der Sommergewinnszunft. Diese Aussage ließ den sonst sachlichen Bürgermeister kurzzeitig die Fassung verlieren. Verantwortlich für die Auflösung der Fachgruppe Sommergewinn war jedoch die SED-Kreisleitung. Die Namen wurden in der Versammlung genannt und im Nachgang auch personelle Konsequenzen gezogen.
Weitere Schwerpunkte der Veranstaltung waren die Manipulation der Kommunalwahlen im Mai des Jahres und Probleme der Innenstadtbebauung.

Damit endete eine ereignisreiche Woche. Innerhalb weniger Tage war ein demokratischer Prozeß in Gang gekommen, den die Bürger jahrzehntelang vermißt hatten. Das bekundeten sie nicht zuletzt mit ihrer massenhaften Beteiligung an den Veranstaltungen.
Gleichzeitig setzten sie ein deutliches Zeichen ihrer Mündigkeit und ihres Willens nach Veränderung in allen Teilen der Gesellschaft.